Geburt und Heranwachsen einer Landeshauptstadt
Hochzeit zwischen Rheinland und Westfalen war der Auslöser
Am 1. August 1946 war es so weit: Zunächst recht schmucklos wurde Düsseldorf zur Landeshauptstadt des neu gegründeten Bundeslandes Nordrhein-Westfalen bestimmt. Ausschlaggebend war eine Direktive des britischen Hauptquartiers in Berlin. Damit wurde die "Operation Marriage" ("Operation Hochzeit") besiegelt. Die britische Militärregierung verschmolz die bisherigen Provinzen Rheinland und Westfalen zum neuen Land Nordrhein-Westfalen. Lapidar heißt es in einem Memorandum der britischen Militärregierung: "Its capital will be Dusseldorf" - "Seine Hauptstadt wird Düsseldorf sein".
Die Bevölkerung erfuhr vom Status der Landeshauptstadt durch Radiomitteilungen und war - den Umständen entsprechend - überrascht. Die "Heiratsurkunde" zwischen Rheinland und Westfalen - die "Verordnung Nr. 46" - wurde erst am 23. August 1946 im Amtsblatt der Militärregierung veröffentlicht.

Konstituierende Sitzung des Landtages im Opernhaus am 2. Oktober 1946
Doch was hatte diese Entwicklung ausgelöst? Nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches und dem Ende des Zweiten Weltkrieges war das Leben auch im Rhein-Ruhr-Gebiet noch ganz und gar von den Folgen des Krieges geprägt. Das in weiten Teilen zerstörte Düsseldorf war am 17. April 1945 von den Amerikanern besetzt worden, ab 12. Juni 1945 folgten die Briten.
Im Stadtkern waren zu dieser Zeit 85 Prozent aller Gebäude zerstört, im ganzen Stadtgebiet 41 Prozent der Industriebetriebe, 45 Prozent der öffentlichen Gebäude und 79 Prozent aller Geschäfts- und Lagerhäuser. Hunger und Not beherrschten das Leben. Allein unter der Zivilbevölkerung waren 6.000 Tote zu beklagen.
Die Briten nahmen das Heft in die Hand
So wurden die Weichenstellungen, welche die Besatzungsmacht vornahm, von der Not leidenden Bevölkerung zunächst kaum wahrgenommen. Die Briten stellten schon früh Überlegungen an, wie der Staatsaufbau in den besetzten Gebieten vorangehen könnte. Die Position der Besatzungsmächte Frankreich und Russland war es zunächst, das Ruhrgebiet - einst deutsche Waffenschmiede - zu internationalisieren. Als die Außenministerkonferenz aller Besatzungsmächte in Paris im Frühjahr 1946 darüber keine Einigung erbrachte, nahmen die Briten das Heft in die Hand und handelten: Bereits am 21. Juni 1946 beschloss das Londoner Kabinett die Gründung des neuen Landes Nordrhein-Westfalen (Land North-Rhine-Westphalia).
Die Briten hatten zuvor ihre Führungsgremien im Düsseldorfer Stahlhof angesiedelt. Der war bereits 1945 beschlagnahmt worden. Dort residierte ab 1.Mai 1946 der Zivilkommissar für das Rheinland, William Asbury. Asbury bekam im Juni 1946 die Zuständigkeit auch für Westfalen - und somit für das ganze neue Land. Als per Memorandum am 1. August rückwirkend zum 24. Juli Dr. Rudolf Amelunxen zum ersten Ministerpräsidenten des neu gegründeten Landes eingesetzt wurde, bestellte ihn Regionalkommissar Asbury zu sich: "Sie und Ihr Kabinett werden unter meiner Anleitung arbeiten." Der Landtag konstituierte sich erst am 2. Oktober 1946.
Repräsentative Gebäude und gute Verkehrsanbindungen
Für Düsseldorf als Landeshauptstadt sprachen dabei praktische Gründe: Wichtig war die Nähe zur britischen Führung, die dort etabliert war. Aber auch die Infrastruktur, die trotz allem weniger zerstört war als die in Köln oder Münster, spielte wohl bei der Entscheidung der Briten eine große Rolle.Weiter lag Düsseldorf nahe beim Ruhrgebiet und hatte als ehemalige Residenzstadt und Sitz der preußischen Provinziallandtage repräsentative Gebäude und gute Verkehrsanbindungen vorzuweisen.
Bis sich Düsseldorf aber auch ganz offiziell Landeshauptstadt nennen "durfte", sollten noch fast 60 Jahre ins Land gehen. Die Briten hatten den ersten Düsseldorfer Verwaltungschef nach dem Krieg,Walter Kolb (Februar bis August 1946), am 20. Juli 1946 verständigt, dass Düsseldorf den "Hauptstadtstatus" bekam. Er teilte dies der Verwaltungskonferenz mit. Oberbürgermeister Karl Arnold (1946 bis 1947) gab die Information am 5. August 1946 an den Stadtrat weiter. Doch darüber hinaus nahm man die neue Ehre in den ersten Nachkriegsjahren wenig zur Kenntnis.
1953 "schmückte" sich Düsseldorf offiziell mit dem Zusatz "Landeshauptstadt". Im Sommer dieses Jahres fiel beim Regierungspräsidenten auf, dass die Stadt in ihrem Briefkopf die Bezeichnung "Landeshauptstadt" führte. Auch Josef Gockeln, Oberbürgermeister von 1947 bis 1956, sprach bereits von der Landeshauptstadt Düsseldorf. Was noch fehlte, war eine offizielle "Genehmigung". Regierungspräsident Kurt Baurichter, der das Amt von 1947 bis 1967 bekleidete, entschied in einem ersten Schritt, dass man dies einfach "tolerieren" solle. Erst am 17. September 1986 erhielt Klaus Bungert, Oberbürgermeister von 1974 bis 1979 und 1984 bis 1994, eine Kopie des britischen Memorandums vom 1.August 1946 (Urkunde A 130). Weitere 17 Jahre später - im Jahr 2003 - bestätigte Innenminister Fritz Behrens, dass Düsseldorf offiziell den Beinamen Landeshauptstadt tragen darf. Eine offizielle Ernennungsurkunde oder einen Staatsakt gab es jedoch nie.

Die Eröffnung des neuen Hauses des Landtages am Rhein fand im Jahr des 700-jährigen Stadtjubiläums am 2. Oktober 1988 statt.

